Lebenszeichen von den Schreibtischen

Die erste Woche “Schule von Zuhause” liegt hinter uns. Für den einen mag schon jetzt der Wert unserer täglichen Veranstaltungen – genannt Unterricht – gestiegen sein, während anderen erst langsam zu dämmern beginnt, was und wie hoch die Verluste sind. Hier einige Eindrücke aus dem Home-Office: Fotos einiger Arbeitsplätze und das Tagebuch einer Kollegin, als exemplarischer Einblick in ein nun weit ausgestreutes Schulleben.

Corona-Tagebuch einer Lehrkraft

Tag 1 (Montag):

Wow – keine Schule für die nächsten paar Wochen – quasi ‘frei’. Perfekt, ich habe hier eh noch die Vorabiturklausuren liegen und die Deutsch-7er-Klassenarbeiten, das kann ich mal ganz langsam und in Ruhe erledigen. Heute rufe ich dann nur ‘eben’ bei den Eltern durch, um denen die Informationen geben.

(3 Stunden und 25 Geschichten über Teenager-Kinder in Quarantäne später)

Okay, alle haben trotz mehrfacher Einführung von Iserve ihr Iserve-Passwort nicht mehr. Erst einmal WhatsApp anschmeißen und persönliche Iserve-Nachhilfe geben.

Tag 2 (Dienstag):

Die ersten Kinder haben ihre Aufgaben für die nächsten drei Wochen durch, während mich andere Kinder fragen, welches Datum wir heute haben und ob sie die Aufgaben mit Bleistift und in Stichpunkten schreiben dürfen – soweit also ein ganz normaler Schultag.

Tag 3 (Mittwoch):

Ich habe die Vorabiturklausuren und die Klassenarbeiten natürlich immer noch nicht angefasst, weil es ja so viele andere Sachen zu tun gibt. Zum Beispiel eine Unterrichtsreihe vorbereiten, auf die ich schon lange Lust habe. Dann schlage ich vorsichtshalber nochmal nach, ob das schon unter das Stichwort Prokrastination fällt. Stellt sich raus: Ja. Ich überlege, ob es meinen Schüler*innen auch so geht, wie man das Wort am besten erklären sollte und ob man dazu mal eine Unterrichtsreihe halten könnte. Ich erwische mich dabei, wie ich parallel meinen Online-Warenkorb mit Büchern über alle möglichen Unterrichtsreihen-Themen volllege.

Tag 4 (Donnerstag):

Ich kann mich nicht mehr bewegen. Die letzten Tage habe ich fleißig zu YouTube-Videos Sport gemacht, weil ich gehört habe, dass das eine der Vorteile von Home-Office ist: Seine eigene Zeit so einzuteilen, dass man morgens Sport machen kann. Nun schmerzen alle meine Muskeln. Da muss der Sport wohl heute ausfallen und stattdessen drücke ich mir Schokolade rein. Die habe ich die letzten Tage (mit Sport) noch relativ gewissensberuhigt in mich reingestopft, heute verschiebt sich aber die Bewegungs/Zucker-Skala zu meinen Ungunsten. Die Muskelschmerzen lenken mich so ab, dass ich auf keinen Fall die Vorabiturklausuren korrigieren kann. Ich versuche mich stattdessen an den 7er-Klassenarbeiten.

Tag 5 (Freitag):

Die 7er-Klassenarbeiten sind geschafft und eingereicht. Ich denke, zur Belohnung sollte ich mir ein Stück Schokolade nehmen. Ich finde das insgesamt alles sehr stressig. Ich arbeite länger als sonst. Hauptsächlich weil ich alle 5 Minuten auf die Idee komme, mir noch schnell eine Instagram-Story anzugucken, Schokolade zu essen oder etwas in meinen Online-Warenkorb zu legen. Verdammt – das kann doch nicht sein. Ich fühle mich heute einfach viel zu schlecht, um noch etwas zu machen und skype lieber mit den Kolleg*innen.

Kollegin: “Ich habe schon alle meine Aufgaben für die nächsten Wochen fertig und muss nur ab und zu mal eine Mail beantworten. Meine Klasse meldet sich jeden Tag mit erledigten Aufgaben.”

Kollege: “Schaut euch mal dieses Lernvideo an, das Schülerin X erstellt hat für die anderen Mitschüler*innen aus dem Kurs.”

Ich kriege eine Nachricht von meiner Klasse: “Guten Tag frau g. Ich will sagen das ich mein schbend Password bis jetzt nicht bekomme dess wegen hab ich kein Matrial dabei und ich will sagen das ich kann auf bleter die Aufgaben schreiben”

Ich gehe ins Bett und mache Wochenende.Schulschließung

Tag 8 (Montag):

Ich wache auf und bekomme verspätete Geburtstagsgrüße einer Schülerin per WhastApp: “Liebeeeeee schöne frau g., es tut mir leid ich hab das total vergessen. Alles guteeeeeeeee zum Geburstag. Ich habe nicht angerufen, dachte an ihrem 28 Geburtstag sollten sie in Ruhe chillen können :)” Es geht mir wieder gut: Ich fühle mich wie 28 (also wie seit 5 Jahren nicht mehr) und setze mich motiviert an die Aufgaben: Vorabiturklausuren.

Erst mal die Mails checken. Darin ein Aufruf von der Schul-Homepage Corona-Tagebücher zu verfassen. Ich gucke auf den Stapel der Vorabiturklausuren, gucke auf die Mail. In zwei Tagen ist Notenabgabe. Ich gucke nochmal den Stapel an und öffne dann ein Dokument und schreibe diesen Text.

An alle Schüler*innen da draußen: Home-Office ist schwer – auch für Erwachsene 😉

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