Stadtführung durch die NS-Zeit in Wuppertal

„Topografie des Terrors“- also sozusagen Standorte des Terrors – nennt der Historiker M. Okroy seine Publikation über die Wuppertaler Gedenkstätten, Orte und Überbleibsel, die noch heute über die Zeit des Nationalsozialismus berichten können. Der Geschichts-LK von Frau Groth macht sich am Freitag, den 10.01.2020, auf die Spuren dieser Orte.

Der Tag beginnt mit der Wanderausstellung zu Anne Frank, die vom 07. bis zum 30.01.2020 im Haus der Jugend Barmen gastiert. Diese Ausstellung wird aber nicht von Historiker*innen begleitet, sondern ganz im Sinne der jugendlichen Hauptfigur von jugendlichen Peer-Groups anderer Schulen. Und so führte uns unter anderem Lea von der Gesamtschule Langerfeld durch die Ausstellung über das Leben der bekannten Jüdin, die Tagebuch schrieb.

Besonders anschaulich wird der LK durch das Leben der Tagebuchschreiberin getragen: Ihre Zeit als Jüdin erst in Deutschland, später in den Niederlanden und nachher versteckt im Hinterhaus. Dabei erfahren wir nebenbei wie sich die Einschränkungen in Deutschland für Jüd*innen bemerkbar machen und wie für viele die NS-Zeit endet. Das Besondere der Ausstellung folgt dann aber noch – wie sieht es denn eigentlich HEUTE um uns Menschen und die Diskriminierung von anderen Menschen aus?

Nach dieser Einführung geht es raus in den Regen. Zuerst auf den Rathausvorplatz in Barmen, der gleichzeitig am 30.01.1933 Platz des Widerstandes in Form von Demonstrationen gegen die Machtübernahme Hitlers wurde, aber auch Platz des vorauseilenden Gehorsams der Wuppertal*innen, als sie am 01.04.1933 – noch einen Monat vor den nationalen Verbrennungen – die erste Bücherverbrennung selbstständig initiieren. Die Bücherverbrennungen gehen einher mit „Säuberungen“ der Bibliotheken und der generellen aufgezwungenen Veränderung der Kulturlandschaft – systemkritische oder jüdische Werke werden verbannt und systemkonforme und völkische Werke unterstützt.

Genau diese Entwicklung kann der LK auch an der nächsten Station, dem Opernhaus Wuppertal, erfahren, wo ein Aufruf der Wuppertaler Bühnen gelesen wird, der nicht nur diese kulturelle Gleichschaltung ankündigt, sondern damit wirbt, dass nationalsozialistisch gesinnte Deutsche ins Theater gehen müssen.

Am Polizeipräsidium Wuppertal können wir leider wegen der Bauarbeiten nicht „live“ das Wandbild „Die Neue Zeit“ von Kohlschein begutachten, das durch die ‚Bearbeitung‘ der Alliierten nach der Einnahme des Präsidiums zum Zeitzeugen des Kriegsendes und der Nachkriegszeit wird. Das ursprüngliche Wandbild zeigte SS, Wehrmacht und Polizei unter dem Hakenkreuz vereint und spiegelt damit die dunkle Zeit des Polizeipräsidiums wider, das für „Schutzhaft“, Folter, die Deportation vieler Menschen in die KZs und sogar Mord an Zwangsarbeiter*innen (Mord im Burgholz) steht. Dagegen zeigen die abgeschlagenen NS-Symbole und die Kritzeleien der Alliierten die Wut der Befreier*innen auf das NS-Regime nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zuletzt machte der LK dann noch am Landgericht einen Stopp und betrachtet das Denkmal für die Gewerkschaftsprozesse und erfährt von den vermutlichen tausenden (allein im Jahr 1933 638) Fällen von Zwangssterilisation, die für Menschen mit (potentiellen) Erbkrankheiten gerichtlich angeordnet wurden.

Mit diesem Tag hat der LK eine kleine Wanderung gegen das Vergessen unternommen.

(Text und Bilder: Kerstin Groth)

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